Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD: Entstehung, Bindung und Inhalte
Am 9. April 2025 stellten CDU, CSU und SPD in Berlin ihren Koalitionsvertrag vor, am 5. Mai wurde er unterschrieben, einen Tag später wählte der Bundestag Friedrich Merz zum Bundeskanzler. Zum fünften Mal seit 1966 regieren Union und SPD damit im Bund gemeinsam, diesmal als schwarz-rote Koalition unter Merz. Was in einem solchen Papier steht, wie es ausgehandelt wird und warum es vor Gericht nicht einklagbar ist, erklärt dieser Beitrag, mit einem Rückblick auf die Große Koalition von 2013 und einem kurzen Blick in die Länder.
Was ist ein Koalitionsvertrag?
Ein Koalitionsvertrag ist eine schriftliche Vereinbarung zwischen zwei oder mehr Parteien, die gemeinsam eine Regierung bilden wollen. Darin steht, welche politischen Vorhaben die beteiligten Partner in der Legislaturperiode von meist vier Jahren angehen wollen und welche Partei welche Ministerien besetzt. Meist regelt er auch, wie Streit beigelegt wird. In parlamentarischen Demokratien wie der deutschen ist das üblich, sobald keine Partei allein die Mehrheit der Stimmen im Parlament hat.
Typische Bestandteile sind:
- inhaltliche Ziele und Maßnahmen nach Themen geordnet, etwa Wirtschaft, Arbeit und Soziales, Migration, innere Sicherheit, Verteidigung oder Klimaschutz
- die Verteilung der Ressorts zwischen den Parteien
- Regeln zur Zusammenarbeit, zum Beispiel einheitliches Abstimmungsverhalten der Fraktionen im Bundestag
- häufig ein Finanzierungsvorbehalt: Vorhaben gelten nur, wenn der Haushalt sie hergibt
Kurz sind diese Texte selten. Nach den Angaben der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung kam der Vertrag von 2013 auf 185 Seiten, der von 2018 auf 179 Seiten. Der aktuelle ist mit 144 Seiten spürbar schlanker.
Wie entsteht ein Koalitionsvertrag?
Nach der Wahl folgt zunächst die Sondierung. In kleinen Runden loten die Parteispitzen aus, ob es für eine Zusammenarbeit genug Schnittmengen gibt. Fällt das Ergebnis positiv aus, beginnen die eigentlichen Koalitionsverhandlungen.

Koalitionsverhandlungen laufen meist in Arbeitsgruppen, strittige Punkte klärt die Spitzenrunde.
Der Ablauf folgt meist demselben Muster:
- Arbeitsgruppen: Fachpolitiker und Abgeordnete der Parteien verhandeln die einzelnen Themenblöcke. 2025 waren es 16 Arbeitsgruppen, die in rund vier Wochen ihre Texte vorlegten.
- Spitzenrunde: Was in den Gruppen strittig bleibt, entscheiden die Partei- und Fraktionsvorsitzenden.
- Zustimmung der Parteien: Jede Partei billigt das Ergebnis nach eigener Satzung. Bei der CSU entscheidet der Vorstand, bei der CDU ein Bundesausschuss (Kleiner Parteitag), bei der SPD seit 2013 die Mitglieder.
- Unterzeichnung: Die Vorsitzenden unterschreiben das Dokument.
- Kanzlerwahl: Der Bundestag wählt den Kanzler, danach werden die Minister ernannt.
Als größte Hürde für eine neue Regierung gilt das Mitgliedervotum der SPD, denn ohne Unterstützung der Basis unterschreibt die Parteispitze den SPD-Koalitionsvertrag nicht. 2013 stimmten 75,96 Prozent der Teilnehmenden zu, 2018 waren es 66,02 Prozent, 2025 rund 84,6 Prozent.

Sechs Schritte von der Wahl bis zur Kanzlerwahl, danach begleitet der Koalitionsausschuss die Arbeit.
Ist ein Koalitionsvertrag rechtlich verbindlich?
Nein. Ein Koalitionsvertrag ist weder gesetzlich vorgeschrieben noch rechtlich bindend, wie die Bundeszentrale für politische Bildung zusammenfasst. Eine Partei, die ein vereinbartes Vorhaben liegen lässt, kann niemand vor Gericht dazu zwingen.
Anders als bei einem zivilrechtlichen Vertrag fehlt jede Möglichkeit, die Erfüllung einzuklagen. Das hat mit dem Grundgesetz zu tun. Nach Artikel 38 sind die Abgeordneten des Deutschen Bundestages an Aufträge und Weisungen nicht gebunden, sie können also auch gegen die Linie ihrer Koalition stimmen. Und nach Artikel 65 bestimmt der Bundeskanzler die Richtlinien der Politik, nicht ein Papier der Parteien. Auch Klagen gegen die SPD-Mitgliedervoten von 2013 und 2018 hatten beim Bundesverfassungsgericht keinen Erfolg.
Seine politische Bedeutung erhält das Papier trotzdem. Opposition und Medien messen die Regierung daran, die eigene Basis ebenfalls. Wer offen davon abrückt, setzt das Bündnis aufs Spiel.
Was ist ein Koalitionsausschuss?
Für Konflikte während der Regierungszeit gibt es den Koalitionsausschuss. Dort sitzen die Partei- und Fraktionsspitzen sowie Regierungsmitglieder. Das Gremium tagt in der Regel ohne Öffentlichkeit und klärt Fragen, die im Vertrag offen blieben oder erst später aufkamen. Politikwissenschaftler kritisieren seit Jahrzehnten, dass hier außerhalb des Parlaments Weichen gestellt werden.
Wie oft haben Union und SPD schon gemeinsam regiert?
Bündnisse aus CDU, CSU und SPD gab es im Bund bereits mehrfach. Dazwischen regierte die Union zum Beispiel von 2009 bis 2013 mit der FDP (CDU, CSU und FDP), die SPD von 1998 bis 2005 mit den Grünen und von 2021 bis 2024 in der Ampel.
- 1966 bis 1969 unter Kurt Georg Kiesinger
- 2005 bis 2009 unter Angela Merkel
- 2013 bis 2017 unter Angela Merkel
- 2018 bis 2021 unter Angela Merkel
- seit Mai 2025 unter Friedrich Merz
Was stand im Koalitionsvertrag von 2013?
Nach der Bundestagswahl vom 22. September 2013 dauerten Sondierung und Verhandlungen zwischen Union und SPD gut zwei Monate. Am 27. November stellten sie den Vertrag „Deutschlands Zukunft gestalten“ vor, am 16. Dezember wurde er unterzeichnet, am 17. Dezember wählte der Bundestag Angela Merkel zum dritten Mal zur Kanzlerin.
| Vorhaben 2013 | Umsetzung |
|---|---|
| Gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro | seit 1. Januar 2015 in Kraft |
| Abschlagsfreie Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren | ab Juli 2014 |
| Mütterrente für vor 1992 geborene Kinder | ab Juli 2014 |
| Pkw-Maut, für inländische Halter über die Kfz-Steuer ausgeglichen | beschlossen, 2019 vom Europäischen Gerichtshof gekippt |
Von diesem Vertrag kursieren bis heute mehrere PDF-Fassungen, etwa mit Titelblatt oder ohne Zeilennummern und Unterschriften. Am Inhalt ändert das nichts.
Was regelt der Koalitionsvertrag 2025?
Der aktuelle Koalitionsvertrag trägt den Titel „Verantwortung für Deutschland“ und gilt für die 21. Legislaturperiode. Die schwarz-rote Koalition regiert seit dem 6. Mai 2025, im Mai 2026 zog der Bundestag in einer Aktuellen Stunde Bilanz des ersten Regierungsjahres.
Zu den wichtigsten Vorhaben gehören:
- Rentenniveau von 48 Prozent bis 2031 absichern
- Mindestlohn von 15 Euro im Jahr 2026 als „erreichbares“ Ziel; die Mindestlohnkommission legte im Juni 2025 dann 13,90 Euro ab 2026 und 14,60 Euro ab 2027 fest
- Kontrollen und Zurückweisungen an den Grenzen in Abstimmung mit den Nachbarstaaten
- ein neuer, zunächst freiwilliger Wehrdienst
- Entlastung bei den Strompreisen, etwa durch eine niedrigere Stromsteuer
Sämtliche Vorhaben stehen unter Finanzierungsvorbehalt, die Umsetzung hängt also an den Haushalten der kommenden Jahre. Über Tempo und Auslegung wird seitdem gerungen, besonders bei der Rente, wie schon in früheren Bündnissen von Union und SPD. Die außenpolitischen Passagen knüpfen an die bisherige Linie zur Ukraine an; zur Haltung der CDU zu den Russland-Sanktionen gibt es einen eigenen Überblick. Wie die Programme vor der Wahl aussehen, aus denen solche Kompromisse entstehen, zeigt der Beitrag zu den Wahlprogrammen der CDU.
Wie sieht es auf Landesebene aus?
In den Ländern gibt es Koalitionsverträge genauso, oft mit anderen Partnern als im Bund. In Sachsen regierten CDU und SPD von 2014 bis 2019 gemeinsam, danach folgte ein Bündnis aus CDU, Grünen und SPD. Seit Dezember 2024 führen CDU und SPD dort eine Minderheitsregierung, die für jede Mehrheit im Landtag Stimmen der Opposition braucht.
Selbst Ratsfraktionen in Städten schließen solche Vereinbarungen, etwa im Stadtrat von Jena für die Wahlperiode 2014 bis 2019. Rechtlich gilt dort dasselbe wie im Bund: Die Absprache bindet politisch, vor Gericht einklagen lässt sie sich nicht.
Häufige Fragen zum Koalitionsvertrag
Wer unterschreibt den Koalitionsvertrag?
Die Vorsitzenden der beteiligten Parteien, im Bund meist zusammen mit den Fraktionschefs.
Wie viele Seiten hat der Koalitionsvertrag 2025?
Die Fassung mit dem Titel „Verantwortung für Deutschland“ umfasst 144 Seiten.
Was sagt der Vertrag über die Dauer der Koalition?
Er ist auf die gesamte Legislaturperiode angelegt, also bis zur nächsten regulären Bundestagswahl. Endet das Bündnis vorher, verliert auch das Papier seine Wirkung.
Was passiert, wenn sich eine Koalition nicht an den Vertrag hält?
Rechtlich nichts. Politisch kann ein Vertragsbruch zum Ende der Koalition führen, wie 2024 beim Bruch der Ampel aus SPD, Grünen und FDP, der in die vorgezogene Bundestagswahl im Februar 2025 mündete.






